
Drei Stunden dauert die Wanderung, führt über schmale Wege, meist hoch über dem Ufer gelegen. Die Sonne brennt unerbittlich in die Bergflanke, schnell wird das Wasser knapp. Dann finden wir uns in einer anderen Welt wieder: schmale, gekieste Strässchen, keine Autos, nur ein mit Heu beladenes Gefährt zwängt sich vorbei. Die Luft flimmert vor Hitze, Insekten summen, eine Pergola spendet etwas Schatten. Ein Souvenirshop und zwei Restaurants, direkt am Wasser gelegen, warten auf Touristen. Wie in den Ferien! Weit weg von allem, als wären wir auf einer Insel irgendwo im Mittelmeer.
Dabei sind wir lediglich von Walenstadt ins autofreie Quinten am Nordufer des Walensees gewandert. Die mit Kreide beschriftete Tafel vor dem Restaurant verspricht Egli nach Art des Hauses, Zanderfilets und immer ganz frisch den Fang des Tages.
Mit einem sympathischen Lachen führt uns die Serviertochter zu einem Tisch direkt am Ufer. Jenseits des Wassers zeichnet sich eine Bergkette ab es könnte die Nachbarinsel sein. Die Ferienstimmung hält an.
Auch beim Bestellen kommen wir uns vor wie auf einer Reise in einem fremden Land: Personal und Gäste sprechen miteinander, ohne einander zu verstehen.
«Was für Rotwein haben Sie?», fragen wir. «Ja, wir haben Rotwein», antwortet die Serviertochter und lacht fröhlich. «Möchten Sie eine oder zwei Flaschen?»
«Wie sind die Egli zubereitet?» «Ein Mal Egli, gerne.» Und, nach einer kurzen Pause: «Wer möchte alles Egli?» Vier Hände gehen hoch, vier Mal Egli wird notiert.
Ein letzter Versuch, Genaueres über das Angebot aus der Küche zu erfahren: «Was ist der Fang des Tages?» Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: «Fischknusperli!»
Die italienische Grenze liegt hinter mir. In Mailand werde ich auf den Nachtzug umsteigen und in wenigen Stunden auf der Insel Stromboli bei Sizilien ankommen.
Heute wird alles auf Anhieb klappen, da bin ich sicher. Einmal muss diese verflixte Serie enden. Ob Bahn, ob Flug, wann immer ich in den letzten Jahren verreiste nie kam ich auf direktem Weg an mein Ziel.
Beispiele gefällig? Vor vier Jahren blieb ich an der ostpolnischen Grenze stecken, da trotz aller gegenteiliger Auskünfte ein Transitvisum für die Reise durch Weissrussland nötig war. Ohne Einsehen die Zollbeamten, mir blieb nichts anderes als die Rückkehr nach Warschau.
Dann der Herbst 2001: Die ganze Schweiz nahm an meinem Flugerlebnis teil. Ich sass im ersten Flugzeug, das nicht mehr abhob. Nach drei Stunden Warten gab es ein Mittagessen an Bord. Nach drei weiteren Stunden die Mitteilung, dass die Swissair nicht mehr in der Lage sei zu fliegen. Immerhin, heute kann ich sagen: «Beim Swissair-Grounding war ich auch dabei!»
Oder ein Jahr darauf. Ich fuhr wieder Bahn. Von Schaffhausen über Köln nach Flensburg, mit knappen neun Minuten Umsteigezeit in Offenburg. «Kein Problem, das schaffen Sie bestimmt!», versicherte der Fahrkartenverkäufer. Nur rechnete er nicht mit dem Fahrdienstleiter in Hausach, mitten im Schwarzwald. Der verliess sein Büro, ohne Schlüssel. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss und das Signal blieb auf Rot stehen, bis er sich wieder Zugang zum Stellwerk verschaffen konnte. Und das dauerte länger als neun Minuten. Betriebsstörung nennt sich das übrigens im Fachjargon.
Es ist 16 Uhr. Zuversichtlich steige ich Mailand aus dem Zug. Denn der Streik ist erst auf 21 Uhr angesagt. Doch plötzlich ist Schluss. 20 Züge auf der Abfahrtstafel, einer trägt den Vermerk «treno soppresso». Natürlich meiner.
Nach Umwegen auf Stromboli angekommen, freue ich mich auf eine geruhsame Woche. Die Hinreise ist überstanden, es kann nichts mehr schief gehen. Nach einigen Tagen jedoch zieht stürmisches Wetter auf und es ist nicht mehr möglich, die Insel zu verlassen. Drei Schnellboote werden annulliert. Ich setze meine Hoffnung auf die Fähre. Und muss zusehen, wie sie vor meiner Nase ablegt. Denn sie fährt zwei Stunden früher, als der Fahrplan es vorsieht.
Bald werde ich nach Mexiko fliegen, voller Zuversicht. Nach der verpatzten Rückreise wird diesmal die Hinreise klappen. Da bin ich ganz sicher.
Ich gehöre zur aussterbenden Sorte von Leuten, die ihre Arrangements noch im Reisebüro oder am Bahnschalter buchen. Die sich nicht blind aufs Internet verlassen, sondern den persönlichen Kontakt mit dem Verkäufer schätzen und gerne ein Lächeln oder vielleicht sogar einige Worte austauschen (Schönes Wetter heute, nicht?). Und die für eine gute Beratung gerne einige Franken mehr bezahlen.
Einfach wird es einem dabei nicht immer gemacht. Phantasievoll sind die Ausreden, wenn Arbeit ansteht: «Unser System ist gerade ausgefallen, rufen Sie später wieder an!» Wie wäre es mit einem Rückruf? «Das haben wir nicht im Programm, gehen Sie doch in ein anderes Reisebüro!» Vielleicht hätte ich etwas Ähnliches gebucht, wenn man mir entsprechende Vorschläge unterbreitet hätte.
Kein Wunder, wird heute immer mehr übers Internet gebucht. Dabei sollte die Branche Leute wie mich besonders pflegen.
Das dachte ich auch kürzlich, als ich ein Bahnbillett kaufen wollte, und zwar von der Schweiz nach Newcastle, nahe der schottischen Grenze. Scheinbar eine abwegige Idee. Die Reiseberaterin am SBB-Schalter schaute mich entsetzt an: «Was, mit dem Zug nach Newcastle? Da ist Fliegen doch viel billiger!»
Üblicherweise lasse ich mich nicht so schnell umstimmen. Das muss mir die Reiseberaterin angesehen haben, denn nach einigen Sekunden Schweigen nahm sie einen Ordner aus dem Gestell und begann darin zu blättern. Sie diktierte: «Eurostar Paris-London, einfache Fahrt 345 Franken, Retourfahrt 232 Franken. London-Newcastle, einfache Fahrt 230 Franken, hin und retour 170 Franken. TGV bis Paris 87 Franken pro Weg.»
Ich begann zu überlegen, wann ich zurückfahren soll, da ein Retourbillett offensichtlich viel günstiger kommt als zwei einfache Fahrten. Die Reiseberaterin nützte mein Zögern aus und beendete das Gespräch: «Schauen Sie doch zu Hause im Internet nach. Dort finden Sie sicher etwas Billigeres!»
Neulich musste ich abends von Siggenthal nach Schaffhausen. Da die kürzeste Strecke laut Fahrplan über deutsches Gebiet führt, stieg ich zuerst in den Regionalzug nach Waldshut.
Dort angekommen, fallen mir die grossen Lettern sofort auf: «Neu Fahrkarten Deutschland und weltweit hier am Automaten.» Weltweit? Dann kann man sicher auch ein Billett nach Erzingen an der Schweizer Grenze kaufen. Ich mache mich hinter den Touchscreen: Zeitkarten, Ländertickets, Expresstickets und Fahrplanauskünfte werden offeriert. Sogar ein Schönes-Wochenende-Ticket gibt es. Das tönt verlockend, doch leider ist es erst Donnerstag Abend.
Endlich finde ich das Menü «Fahrkarte». Abfahrtort und Zielort eingeben. Dann die Anzahl Erwachsener und die der Kinder, zu unterscheiden nach eigenen und fremden. Menüschritt 6 erkundigt sich nach der Bahncard: Bahncard 1. oder 2. Klasse? Bahncard 25 oder 50? Dann Schritt 8: Fahren in 1. oder 2. Klasse? Diese Frage habe ich doch schon beantwortet, wundere ich mich. Doch alles hat seinen Sinn. Jemand könnte ja 2. Klasse fahren wollen mit der Bahncard 1. Klasse oder umgekehrt. Ob die Schweizer Automaten auch so perfekt sind? Da ich ein GA besitze, bin ich noch nie mit dem Ernstfall konfrontiert worden.
Es folgen Schritte 9 bis 11: Sofort, heute, morgen oder an einem anderen Datum fahren? Mein rechter Zeigfinger schmerzt, ich wechsle die Hand. Mit allen Zügen oder allen ausser ICE oder allen ausser ICE/EC/IC? Direkte Reiseroute oder anderer Weg? Wenn das hier noch lange dauert, kann ich mir doch noch ein Schönes-Wochenende-Ticket kaufen.
Fünf Varianten für die Rückfahrt stehen jetzt zur Wahl. Ich begreife sie nicht. Brauche ich auch nicht; endlich weg von hier ist mein Ziel.
Dann Schritt 13: Eine Liste mit den nächsten drei Fahrgelegenheiten nach Erzingen und Schaffhausen erscheint, mit der Option «Fahrplan drucken». Nirgends ein Feld, um das Billett zu lösen. Nur ein kleiner Hinweis: «Sie benötigen eine Verbundsfahrkarte. Verkauf am Nahverkehrsautomaten.»
Diesen finde ich bereits nach zwei Minuten. Er liegt am anderen Ende des Bahnsteigs. Es folgt Schritt 1.
Morgen fahre ich mit dem Zug in die Toskana. Ein kurzer Blick ins Internet bestätigt, was ich bereits vermutete: Streik ist angesagt. Wie immer, wenn ich nach Italien reise. Der Streik der italienischen Bahnen ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Ich werde trotzdem fahren. Denn die bisherige Erfahrung zeigt: ich bin immer angekommen, einmal sogar früher, als es der ursprüngliche Fahrplan vorsah.
Zudem ist alles bestens organisiert, wenn Italien streikt. Auf der Website des italienischen Ministeriums für Verkehr gibt es einen «Calendario scioperi nazionali». Er zeigt, welche Streiks bei Bahn, Bus und im Flugverkehr in den nächsten zwei Monaten geplant sind. Die Liste ist so begehrt, dass der Link zu ihr auf der Startseite erscheint (www.infrastrutturetrasporti.it).
Ich fahre bis nach Mailand. Alles gemäss Fahrplan, kein Streik in Sicht. Dabei steht mein Zug nicht einmal auf der Liste der «garantierten Verbindungen». Diese Liste umfasst 112 Züge an Werktagen und 39 an Sonn- und Feiertagen. Sie wird mit den Gewerkschaften ausgehandelt und basiert auf dem Gesetz Nummer 146, das das Streikrecht regelt. Italienische Arbeitsniederlegungen haben nichts Spontanes an sich, sind vielmehr ein durchreglementiertes Ritual.
Es geht weiter, über Bologna hinaus nach Prato, unweit Florenz. Zuerst mit einer Viertelstunde Verspätung. Doch der Zug holt auf und trifft pünktlich in Prato ein. Was ist nur los mit Italien? Macht sich etwa der Regierungswechsel von Berlusconi zu Prodi bemerkbar?
Dann endlich: «Treno soppresso» steht auf der Anzeigetafel im Bahnhof Prato Centrale. Der Regionale nach Montecatini Terme fällt wegen Streiks aus. Die Beamtin am Schalter zuckt mit den Schultern und weiss nichts Genaueres. Der nächste Zug? «Vielleicht in einer Stunde, vielleicht auch nicht. Sie müssen halt schauen.» Italien, wie man es kennt. Ich bin erleichtert. Gibt es doch nichts Schlimmeres als Ferien, in denen die Erwartungen unerfüllt bleiben.
Manchmal reise auch ich dorthin, wo es die Massen hinzieht. Meist kommt es nicht gut heraus. So wie jetzt auf Santorini. Das ist die berühmte griechische Vulkaninsel mit dem Kraterrand, der steil ins Meer abfällt und auf dem wie Farbtupfer Hunderte von weissen Häusern kleben.
Eigentlich beginnt alles wunschgemäss. Eine orientalische Stimmung empfängt mich im Hafen. Die Fährpassagiere strömen auf die Mole, wo Hoteliers und Zimmerbesitzer zu Dutzenden um die Gunst der Ankömmlinge werben. Bereits nach wenigen Metern sehe ich das Schild: «Villa Maria». Was für ein Glück! Genau das Hotel, das der Reiseführer empfohlen hat, am Kraterrand liegend, mit atemberaubendem Ausblick über das Meer.
Doch bald stellt sich heraus, dass es auf Santorini mehrere Hotels Villa Maria geben muss. Dasjenige, zu dem ich gefahren werde, liegt zwar durchaus am Kraterrand, aber auf der vom Meer abgewandten Seite. Dazwischen führt die Hauptstrasse durch und das Bett zittert, wenn Lastwagen und Busse vorbeidonnern. Der Preis hätte mich stutzig machen sollen. 40 Euro für ein Doppelzimmer, das ist zu billig für Santorini.
Verschwunden auch das orientalische Flair in den Gassen der Hauptstadt Fira. Statt einheimischer Musik plärrt konturloser Mainstream aus den Läden, statt griechisch spricht man überall amerikanisch. Der Fisch schmeckt nicht frisch, sondern nach Chlor.
Ich kriege den Koller und mache, was ich in solchen Fällen immer tue: ich löse ein Fährticket und stelle meinen Abgang von der Insel sicher. Jetzt geht es mir bereits besser.
Dann suche ich mir ein neues Zimmer für die verbleibende Nacht. Ich stosse auf ein freies Studio in den Villas Efterpi (hier nennen sie offensichtlich alles Villa, was ein Dach und zwei Betten hat). Der Hotelier zeigt mir den Raum. Ich wundere mich. Er ist noch kleiner als das Zimmer im Villa Maria, kostet aber 160 statt 40 Euro. Der Hotelier bemerkt mein Zögern. Er tritt auf das Terrässchen, macht mit dem Arm eine ausschweifende Bewegung über den Krater und das tiefblaue Meer und sagt: «Mein Herr! Hier bezahlen Sie nicht das Zimmer, sondern die Aussicht!»